Auch in Dülmen ereigneten sich in der Reichsprogromnacht am 9. November 1938 schreckliche Szenen
Dülmen. Es begann um 23.30 und dauerte bis 2 Uhr in der Nacht. Als erstes wurden zwei Fensterscheiben bei Viehhändler Louis Pins gegenüber der Viktorkirche eingeschlagen, dann stand die Synagoge in Flammen. Am Ende der Nacht waren alle Privat- und Geschäftshäuser der in Dülmen lebenden Juden verwüstet und die zuvor aufs heftigste mißhandelten Männer inhaftiert worden. Hermann Leeser sollte sich nur wenige Tage später in der Haft das Leben nehmen.
Ein Schreckensszenario, das sich an diesem Mittwoch, dem 9. November, zum 73. Mal jährt. Ereignisse, die in ganz Deutschland unter dem Begriff Reichsprogromnacht traurige Berühmtheit erlangten. Und die auch in Dülmen Spuren hinterlassen haben. Spuren in den Geschichtsbüchern und Spuren im Stadtbild. Jüngstes Beispiel ist der Eichengrün-Platz, an dem damals direkt gegenüber dem Braunen Haus der NSDAP das Kaufhaus der Gebrüder Eichengrün stand. Am Ende der Progromnacht gab es in dem Kaufhaus keine heile Scheibe mehr. Bemerkenswert: Einige Geschäfte - darunter auch das Kaufhaus der Eichengrüns - waren von ihren Besitzern schon vor oder kurz nach dem November 1938 notgedrungen verkauft worden.
In Deutschland wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 insgesamt 91 Juden ermordert, 700 jüdische Geschäfte verwüstet und 300 Synagogen in Brand gesteckt, eine davon in Dülmen. In den Berichten der Feuerwehr finden sich niederschmetternde Fakten. „Die Synagoge brennt" wurde der Löschzug alarmiert. Die ausgerückte Feuerwehr wurde unverrichteter Dinge von den SA-Leuten und dem damaligen Bürgermeister Heinrich Helms wieder weggeschickt, als sie ein zweites Mal anrückte, wurde den Feuerwehrleuten nur erlaubt, das Übergreifen der Flammen auf die umliegenden Gebäude zu verhindern. David Dublon, Rabbi und Vorsteher der jüdischen Gemeinde Dülmen, wurde unter Schlägen und Tritten aus seiner Wohnung gejagt.
In Dülmen zählte die jüdische Gemeinde 67 Mitglieder, bis zum November 1938 hatten bereits 28 von ihnen - vor allem die jüngere Generation - Deutschland verlassen. Einige wenige, die mit den noch zwölf in Dülmen lebenden Familien verwandt waren, waren zugezogen. Ihre Namen sind heute im Stadtbild im wahrsten Sinn des Wortes in Stein gehauen, im Asphalt finden sich kleine Messingplatten, die „Stolpersteine“, die an jede einzelne Familie und jedes einzelne Familienmitglied erinnern. Und die mahnen, die Geschichte nicht zu vergessen. An der Alten Sparkasse, der heutigen VHS, hängt ein Schild, das auf die Synagoge hinweist, die bis zur Progromnacht hier gestanden hatte. Und am Lüdinghauser Tor ist das jüdische Mahnmal zu finden.
Was vor 73 Jahren in Dülmen geschehen ist, ist durch Quellen gut belegt. So auch durch den Bericht des damaligen Ortsgruppenleiters der NSDAP, Dr. Anton Schmidt. „Ein überflüssiges Gebäude ist niedergebrannt und wegen Baufälligkeit dem Erdboden gleich gemacht worden”, so der knappe zynische Kommentar in seinem Berich zur Reichsprogromnacht.
Das jüdische Leben in Dülmen lag in Trümmern, der vom Staat befohlene Aufbau blieb vornehmlich den Frauen und Kindern überlassen, die Männer waren inhaftiert. Mit einer Ausnahme: Das Kaufhaus Eichengrün, das ja eigentlich schon in arischen Besitz übergangen und daher „fälschlicherweise” demoliert worden war, wurde auf Kosten des Staates saniert. Bis Ende 1940 schafften es noch 29 jüdische Bürger, aus Deutschland zu fliehen. Die restlichen Juden lebten zusammen in einem Haus an der Coesfelder Straße, dem „Judenhaus“, bis die vornehmlich alten und gebrechlichen Frauen und Männer schließlich das Schicksal so vieler teilen mussten und im Dezember 1941 in ein Konzentrationslager in den Osten gebracht wurden. kaf