Das Verbreitungsgebiet

Stark und stolz

Die Tradition der Steinbearbeitung hat in den Baumberger Steinbrüchen schon sehr früh begonnen, wahrscheinlich schon um das Jahr 1000 herum. Und es war eine gute Arbeit, die die Baumberger Steinhauer leisten konnten.

Das ging hin bis zu aufwendigen Maßwerkfenstern, wie sie in der Gotik üblich wurden. Die gotische Baukunst legte großen Wert auf das Licht, das die Kirchen fluten sollte, deshalb wurden so viele große Fenster in die Kirchen eingebaut, wie es die Statik gerade noch erlaubte. Den Abschluss oben bildete das Maßwerk, wie es an der Lambertikirche in Münster besonders ausgeprägt erscheint. Hier musste sehr genau gearbeitet werden. Und je höher die Qualität des Handwerks, desto besser war die Bezahlung. Und so nahmen die Steinhauer im sozialen Gefüge der ländlichen Baumbergeregion eine Sonderstellung ein. Anders als ihre bäuerlichen Nachbarn, die kaum je aus ihren Dörfern herauskamen, verfügten die Steinhauer über überregionale Kontakte und kamen durch die Steinlieferungen auch aus der Region heraus. Gemeinsam war man in einer Zunft organisiert und traf sich am „guten Montag“ zu den Gildeversammlungen im Billerbecker „Steinhauerkrug“. Das ausgeprägte Selbstbewusstsein zeigte sich schon in den Bauunterlagen von Schloss Horst (Bauzeit 1555-1578), in denen Baumberger Steinhauer vermerkt sind, die mit dem Bauherrn über die Höhe der Bezahlung diskutierten. Wenn ein Steinmetz beerdigt worden war, war das für die Bevölkerung in Nottuln und Havixbeck nicht zu überhören, denn der männliche Teil der Beerdigungsgesellschaft hatte sich in den Kirchturm begeben, um den Toten zu „verläuten“. So weit, so normal. Das „Nachläuten“ war üblich und 1736 von der Nottulner Äbtissin geregelt worden: Bei Schulten, also Großbauern, wurde eine halbe Stunde nachgeläutet, bei Erbpächtern eine halbe Viertelstunde weniger und bei Köttern (abhängigen Kleinbauern) eine Viertelstunde. Die Steinhauer beriefen sich auf ein Privileg, das ihnen von den örtlichen Pastoren zugestanden worden sei. Weil sie für den Bau der Nottulner Kirche 1489 und 1660 für den Wiederaufbau der St. Dionysius-Kirche in Havixbeck nach einem Brand Steine umsonst geliefert hätten, dürfte das Läuterecht bei Angehörigen ihrer Familien eine Stunde ausgeübt werden! Das Argument hatte den Vorzug, nicht überprüfbar zu sein. Und den Nachteil, dass es nicht geglaubt wurde. Aber die Steinhauer setzten das durch, was sie für ihr Recht hielten. Und wenn auch der Havixbecker Pastor die Tür zur Läutestube verriegeln ließ – das war 1832 der Fall – dann wurde diese eben aufgebrochen. Das Läuten war auch anstrengend und also wechselte man sich ab und hatte auch ein wenig zu trinken dabei. Es ist überliefert, dass die Männer die „sinkenden Kräfte durch starke Getränke wieder zu heben“ versuchten, „weshalb man nicht selten taumelnde Läuter sieht.“ Oft wurde bis zum Einbruch der Dunkelheit durchgeläutet. Das war natürlich einmal ein Lärmterror für das Dorf, zum zweiten ein brutaler Verstoß gegen das soziale Gefüge und nicht zuletzt durfte sich die Kirchengemeinde Sorgen um ihre Glocken machen. Aber tatsächlich war es erst die Einführung des elektrischen Läutewerks im 20. Jahrhundert, das dem Brauch ein Ende bereitete!