Das Verbreitungsgebiet

Eine Frage der Defitinition

Ein unscheinbares Büro in der Pluggendorfer Straße in Dülmen. Hinter den Türen der Hausnummer 39 verbirgt sich die Zentrale der Flüchtlingshilfe Dülmen und des Flüchtlingsrates im Kreis Coesfeld e.V. Eine Initiative, die seit vielen Jahren denen hilft, die nicht wissen, wo sie hin sollen.

Kinder in einem syrischen Flüchlingslager. Foto: Amnesty International

Kreis. Für das Ehepaar Wolfgang und Margret Müller ist die Aufgabe in der Flüchtlingsarbeit seit Jahrzehnten eine Herzensangelegenheit. Dabei geht es, das stellt der frisch gebackene Bundesverdienstkreuzpreisträger Wolfgang Müller gleich klar, keineswegs nur darum, Flüchtlingen zu helfen, sondern auch den Menschen, die sich als Helfer für Flüchtlinge engagieren wollen. Anfang der 80er Jahre ist die Flüchtlingshilfe Dülmen ins Leben gerufen worden. „Wir wurden angesprochen, die Menschen wussten nicht wohin“, erinnert sich Wolfgang Müller. 1993 wurde der Flüchtlingsrat im Kreis Coesfeld e.V. gegründet und der Verein ist kreisweit aktiv. Die Aktivität unterlag natürlich den jeweiligen politischen Entwicklungen - international wie national. Eine hochkomplexe Entwicklung, die Margret Müller immer im Blick hatte. Die Dülmenerin hatte Anfang der 70er Jahre das Asylreferat eines Bezirkes von Anmesty International übernommen, mit dieser Organisation arbeitet der Flüchtlingsrat eng zusammen. Margret Müller ist bekannt dafür, daß sie immer bemüht ist, die neuesten Gesetzeslagen zu kennen, eine Eigenschaft, die für die Initiative von unschätzbarem Wert ist, blickt man zurück auf die vielfältigen Änderungen in der Ausländer- und Asylgesetzgebung der vergangenen Jahre. Die deutsche Politik, so Wolfgang Müller, habe auf die europäische Politik einen starken Einfluss „in der panischen Angst, es könnte ein Flüchling zu viel kommen“. Die Situation sei aber dennoch im Gegensatz zu früher geordneter. Anfang der 90er habe es einen willkürlichen Zustrom von Flüchtlingen vor allem aus den Kriegsgebieten des Balkan gegeben, der die Kommunen oft überfordert habe. Damals war es die Aufgabe der Initiative, nicht nur bei den Anträgen zu helfen, sondern auch das oft gespannte Verhältnis zwischen völlig überlasteter Behörde und den Flüchtlingen zu entspannen. „Anfang der 90er Jahre war nichts organisiert, es gab Turnhallen voller Flüchtlinge“, erinnert sich Müller an unhaltbare Zustände. Etwa 490.000 Flüchtlinge kamen 1992 neu nach Deutschland, heute sind es zwischen 30.000 und 40.000 pro Jahr. 1993 wurde der Artikel 16 des Grundgesetztes geändert und der Zusatz 16a geschaffen. Wolfgang Müller stört sich vor allem daran, dass dort sichere Drittstaaten erwähnt werden, aus denen keine Flüchtlinge aufgenommen werden. „Sichere Drittstaaten gibt es doch gar nicht mehr, entweder sind sie Mitglied der EU oder aber sie sind eben nicht sicher“, so Müller und nennt als Beispiel die Ukraine. Überhaupt sind die Grenzen sehr eng gesteckt um politisches Asyl zu zu erhalten. Darunter, so Müller, falle vielleicht noch der iranische Schriftsteller, von Hunger oder Obdachlosigkeit bedrohte Menschen fallen durch das Raster. Selbst Bürgerkrieg war bis vor ein paar Jahren noch kein Grund, politisches Asyl zu erhalten. „Die Frage nach der politischen Verfolgung ist immer wieder eine definitorische Frage“, nennt Müller das Dilemma. Alle Asylanträge müssen heute beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gestellte werden. International wird die Flüchtlingsfrage durch viele verschiedene Abkommen zum Schutz der Betroffenen geregelt, die aber lange nicht in allen Ländern auch umgesetzt werden, moniert Müller. Als ein Beispiel nennt Müller die Vorbehalte der Bundesregierung bei der Internationalen Kinderkonvention. In einem Land, so der engagierte Ehrenamtliche, in dem das Erwachsenenalter erst mit 18 Jahren beginne, sei die Asylmündigkeit auf 16 Jahre festgelegt. „Hier geht es oft nicht darum, Schutz zu gewähren, sondern abzuwehren“, fasst er seine Kritik zusammen.