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Ohne Spende würde ich hier nicht sitzen

Über 80 Prozent der Bundesbürger befürworten die Organspende, jedoch hat ein deutlich geringerer Prozentsatz einen Organspendeausweis. Über die Gründe für

diese Diskrepanz, die Vorteile der Widerspruchslösung und die Voraussetzungen,

die ein Spender mitbringen

muss, spricht der Dülmener Marcus Nagel, Mitglied im Bundesverband der Organtransplantierten (BDO) sowie Pate für Organspende, einem Projekt des Netzwerk Organspende NRW, im Interview.

Warum sollte man einen Organspendeausweis haben? Marcus Nagel: Weil Organspende Leben rettet. Ohne Spende würde ich hier nicht sitzen. Es ist wichtig, sich selbst zu entscheiden. Die Angehörigen haben im Todesfall schon so viel um die Ohren, so dass das Thema oft in den Hintergrund rückt. Warum liegt Ihnen das Thema Organspende am Herzen? Nagel: Ich habe am 25. November 2010 selbst eine Spenderniere empfangen, eine Lebendspende meines jüngeren Bruders. Als selbst Betroffener liegt mir das Thema natürlich am Herzen. In Deutschland ist die Zahl der Organspender gering. Welche Ängste bestehen bezüglich des Themas? Was hindert Menschen am Spenden? Nagel: Wenn man den Umfragen glaubt, befürworten über 80 Prozent der Bürger die Organspende. Allerdings haben nur 30 bis 35 Prozent einen Organspendeausweis beziehungsweise eine entsprechende Patientenverfügung. Diese Diskrepanz hat unterschiedliche Gründe. An unseren Infoständen haben in der Vergangenheit beispielsweise viele Menschen einen Ausweis mitgenommen, dann aber schlicht vergessen, ihn auszufüllen. Bei gesunden, jungen Menschen ist das Thema außerdem oftmals einfach nicht akut. Auch hat man gesehen, dass die Spendenbereitschaft nach dem Wartelistenskandal 2012 deutlich gesunken ist. Von etwa 1300 Organspendern pro Jahr ist die Zahl gesunken auf 797 Organspender im Jahr 2017. Ein Jahr später stieg die Zahl wieder auf 955 Organspender. Im EurotransplantVerbund ist Deutschland Schlusslicht und profitiert von den anderen sieben Ländern. Die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst eine Organspende benötigt, ist aber um ein Vielfaches höher, als dass man selbst zum Spender wird. In Deutschland gilt die Entscheidungslösung. Organe und Gewebe dürfen nur dann nach dem Tod entnommen werden, wenn die verstorbene Person dem zu Lebzeiten zugestimmt hat. Liegt keine Entscheidung vor, werden die Angehörigen nach einer Entscheidung gefragt. Alternativ wäre die Widerspruchslösung. Welche Möglichkeit favorisieren Sie? Nagel: Ich bin definitiv für die Widerspruchslösung. Dann muss sich jeder einmal mit dem Thema auseinandersetzen. Für die Angehörigen ist es nach einem Todesfall emotional schwer, an dieses Thema zu denken. Welche Voraussetzungen muss ein potenzieller Organspender mitbringen? Nagel: Zu Lebzeiten braucht man sich dazu gar keine Gedanken zu machen. Es gibt aber einige Ausschlusskriterien wie beispielsweise eine HIV-Infektion oder eine akute Krebsbehandlung. Der Spender wird aber von einem Spezialistenteam im wahrsten Sinne des Wortes auf Herz und Nieren untersucht. Wie funktioniert die Organspende genau? Nagel: Nach einer Krankheit oder einem Unfall mit schwerer Hirnschädigung sowie der Todesfeststellung (irreversibler Hirnfunktionsausfall) erfolgt eine Meldung eines potenziellen Spenders an die Deutsche Stiftung Organtransplantation. Es folgen ein Angehörigengespräch, die medizinische Untersuchung des Verstorbenen sowie die Übertragung von Daten zur Organvermittlung an Eurotransplant. Dann kommt es schließlich zur Organentnahme und zur Transplantation. Zwischen der Feststellung des Todes und der Transplantation liegen zwischen zwölf und 48 Stunden.