Das Verbreitungsgebiet

Zwei Fotos als Zeitzeugen

Helga Rohling war damals ein Kind, trotzdem erinnert sie sich noch sehr gut an den ersten Besuch des Ostdeutschen Heimatchores Darup im Barackenlager in Lette. „Ich muss damals circa zehn Jahre gewesen sein“. Sie hält ein Foto in den Händen, einige Jahre später aufgenommen. Und hofft, dass Menschen sich erkennen und bei ihr melden.

Lette/Kreis. Es ist ein kleines, persönliches Schicksal.Eingebettet in die große Geschichte des ehemaligen Barackenlagers, das eine Gedenkstätte werden soll. Harald Dierig, Vorsitzender des Vereins „Denkmal Barackenlager Lette e.V.“, hofft ebenfalls, dass Angehörige der Chormitglieder sich melden. Um aus einer Zeit zu erzählen, die heute immer noch historisch recht wenig beleuchtet ist.

Das Barackenlager in Lette war von 1933 bis 1935 eine SA-Truppenführerschule, später (bis 1945) ein Reichsarbeitsdienstlager. In den folgenden Jahrzehnten diente es als Durchgangslager und Altenheim des Kreises Coesfeld für Heimatvertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. So wie Helga Rohling, die damals noch Marzetz hieß. „Wir kamen nach Darup und hatten Glück mit der Familie, bei der wir unterkamen. Es war sehr familiär“, erinnert sich Helga Rohling, die heute in Billerbeck lebt. So viel Glück hatten längst nicht alle Vertriebenen, wie Harald Dierig weiß. Das Leben war geprägt von Armut, Entbehrungen und Sorge um die Zukunft. 

In Lette kam noch Einsamkeit hinzu. Kilometer vom Ortskern entfernt, war es für die Bewohner kaum möglich, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Fahrräder hatten sie nicht, und für die älteren Menschen war der Weg nach Lette schlicht zu weit. Umso wichtiger waren die Besuche vor Ort, die für einen kurzen Moment Abwechslung brachten. So wie der Besuch des Chores. „Dieser hatte ein schönes Repertoire, von Operette über Volkslieder bis hin zu Kunstliedern“, erinnert sich die Billerbeckerin. Knapp 30 Chormitglieder sind auf dem Foto zu sehen, darunter auch Helga Rohlings Eltern. In den 60ern hat sich der Chor aufgelöst, die Mitglieder haben sich zerstreut.

Für Harald Dierig sind gerade diese Zeitzeugen wichtig beim Aufbau der künftigen Gedenkstätte. „Unsere wichtigste Quelle ist zum Beispiel Edith Glasmeyer, die Tochter einer Bewohnerin“. Der Verein plant, eine Baracke zu kaufen und zu restaurieren. Die Verhandlungen mit dem Eigentümer laufen, Dierig hofft, bald mit dem Arbeiten für die Gedenkstätte beginnen zu können. Dass das Lager so gut erhalten ist, ist dem Einsatz des Katastrophenschutzes geschuldet, der das Gelände seit den 60er Jahren belegt hat. Trotzdem ist das Engagement ein Wettlauf gegen die Zeit und den Verfall. Denn je mehr Zeit verstreicht, desto schwieriger wird es, die alte Bausubstanz zu erhalten und zu restaurieren. Gemeinsam mit dem Heimatverein, der sich ebenfalls sehr für den Erhalt engagiert, will Harald Dierig sich dafür einsetzen, dass die Geschichte der Vertriebenen in Lette nicht in Vergessenheit gerät. 

Falls Sie jemanden auf dem Foto erkennen, melden Sie sich bitte bei Harald Dierig, Tel. 0 25 33/4946, hdierig@t-online.de.