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Vorlesen kennt kein Alter

Vorlesen ist in vielen Familien ein lieb gewonnenes Ritual. Amkommenden Freitag

(17. November) ist bundesweiter Vorlesetag. StadtAnzeiger-Redakteurin Alexandra

Schlüter hat Petra Toppmöller, die Leiterin der Stadtbücherei Dülmen, zur Bedeutung des Vorlesens befragt.

Frau Toppmöller, Welchen Stellenwert hat Vorlesen heute noch in Familien?

Petra Toppmöller: Vorlesen hat auch heutenoch einen hohen Stellenwert in Familien – vor allem in Familien, die Wert auf die Förderung der Kinder legen. Es wird vor allem kleinen Kindern vorgelesen– bis sie selber flüssig lesen können. Ab circa acht Jahren lesen Eltern und Kinder oft noch gemeinsam. Viele Kinder lassen sich auch gerne noch vorlesen, wenn sie älter sind. Dann können auch Geschichten gelesen werden, die sie alleine noch nicht schaffen. Zusätzlich genießen auch ältere Kinder noch die gemütliche Vorlese-Atmosphäre gemeinsam mit den Eltern.

Warum ist Vorlesen so wichtig?

Petra Toppmöller: Vorlesen hat verschiedene positive Aspekte: Das Zuhören fördert die Konzentration der Kinder. Gleichzeitig entwickeln sie durch das Hören von GeschichtenFantasie. Das ist ein ähnlicher Effekt wie beim Lesen. Es entstehen Bilder im Kopf. Michael Ende hat das mit einem berühmt gewordenen Zitat beschrieben: „Lesen ist Kino im Kopf“. Weiterer Nebeneffekt: Der Wortschatz wird durch das Hören von Geschichten ständig erweiter. Vor allem dann, wenn Eltern Fragen der Kinder zwischendurch beantworten oder neue Worte erklären. Beim Vorlesen entsteht ein intensiver Kontakt zwischen dem Kind und den Eltern. Die Vorlesesituation wird als etwas Angenehmes und Schönes empfunden. Das Kind hat in dieser Zeit das Elternteil ganz für sich.

Werden aus Kindern, denen viel vorgelesen wurde, automatisch Leseratten?

Petra Toppmöller: Unserer Einschätzung nach werden Kinder, denen vorgelesen wurde, nicht automatisch Leseratten. Aber: Wenn ein Kind durch Vorlesen das Empfinden für die Erholsamkeit und Schönheit des „Lesens“ entdeckt hat, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ihm Lesen Spaß macht und es zum Leser wird. Falls das Kind nicht zu einem Leser wird, ist aber die Chance höher, dass es irgendwann später diese Empfindungen durch Selberlesenwieder hervorrufen will. Manchmal vergehen Jahre, aber viele Kinder, die erfahren haben, dass Lesen und Vorlesen etwas Schönes ist, kommen irgendwann darauf zurück.

Ab welchem Alter sollte man beginnen, seinem Kind vorzulesen? Petra

Toppmöller: Ab 2 Jahren kann ein Kind kurze Zeit zuhören. Hier eignen sich dann Bilderbücher mit einzelnen Wörtern und Bildern, die vorgelesen werden und über die gesprochen wird. Die Beschäftigung mit einem Buch oder buchähnlichem Gegenstand ist aber auch in einem früheren Alter schon empfehlenswert und macht den Kindern Spaß. Das stellt aber eher die Haptik in den Vordergrund. Wichtig für die Förderung der Kinder ist aber auch schon mit 1, 2 Jahren die Beschäftigung mit Sprache in Form von Fingerspielen, Kniereiter- Reimen oder einfach nur Erzählen.

Kennen Sie Erwachsene, die sich gerne vorlesen?

Petra Toppmöller: Uns sind mehrere Paare bekannt, die sich gerne gegenseitig vorlesen. Ebenso stellt man fest, dass sich auch ältere Menschen gerne wieder vorlesen lassen. So entwickeln sich auch in Seniorenheimen immer mehr Vorlesestunden. Die Stadtbücherei bietet Lesungen mit Autoren für Erwachsene an. Abgesehen davon, dass es ein tolles Ereignis ist, den Autor eines Buches kennenzulernen, genießen es auch hier Erwachsene sehr, sich vorlesen zu lassen.

Gibt es Buchempfehlungen? Was eignet sich besonders zum Vorlesen? Petra

Toppmöller: Mit der nötigen Geduld und Zeit kann alles vorgelesen werden, auch längere Geschichten. Beim Vorlesen für Kinder sollteman unbedingt darauf achten, was zu dem jeweiligen Kind passt. Es ist nicht so gut, es zu unterfordern oder zu überfordern. Wenn nur eine kürzere Zeit zur Verfügung steht, sind Kurzgeschichten gut geeignet, für Kinder auch Geschichten- Sammlungen. Kinder freuen sich über regelmäßige Vorlesezeiten und Rituale wie beispielsweise Vorlesen vor dem Einschlafen. Dabei können auch gut längere Bücher vorgelesenwerden, die in Kapitel unterteilt sind. Der Inhalt richtet sich nach dem Geschmack der Zuhörer.