Das Verbreitungsgebiet

Ein historisches Haus erzählt

Selten sind Fachleute aus der Bauforschung des Landschafsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) so begeistert. Das von der Stadt Billerbeck erworbene Gebäude an der Münsterstraße 22 hat sich jetzt als ein Haus, das viele Geschichten erzählen kann, entpuppt.

Peter Barthold (LWL-Bauforschung), Dr. Michael Huyer (Referatsleiter LWL-Denkmalpflege), Marion Dirks (Bürgermeisterin von Billerbeck) und Dr. Anke Kuhrmann (LWL-Bauforschung, v.l.) mit dem Grundriss des wohl ältesten profanen Gebäudes in Billerbeck.

„Es gab viele Gerüchte, wilde Theorien und Geheimnisse um dieses Haus. Jetzt wissen wir, welches herausragende Kleinod wir nicht nur für die Geschichte unserer Stadt erworben haben“, ist Billerbecks Bürgermeisterin Marion Dirks stolz auf den Kauf.

Zusammen mit ihrer Stadtplanerin Michaela Besecke traf sie sich jüngst mit Fachleuten aus der Bauforschung des Landschafsverbandes Westfalen-Lippe, die auf Bitten der Stadtverwaltung innerhalb eines Jahres das Gebäudeensemble mitten in der Innenstadt von Billerbeck auf den Kopf gestellt haben. Denn als die neue Eigentümerin das gesamte Areal unter die Lupe nahm, fiel ihr auf, dass das für vielen Billerbecker und auch auswärtige Gäste offensichtliche Gebäude von 1904 im rückwärtigen Bereich einen viel älteren Teil hat. Und das bestätigten auch Dr. Michael Huyer (Referatsleiter LWL-Denkmalpflege), Dr. Anke Kuhrmann (LWL-Bauforschung) und Peter Barthold (LWL-Bauforschung).

„Wir haben hier die einzigartige Möglichkeit nachzuvollziehen, wie ein Gebäude aus dem 16. Jahrhundert umgebaut, umgenutzt und erweitert worden ist und gleichzeitig die unterschiedlichsten Gegenstände aus den verschiedenen Jahrhunderten nahezu vollständig erhalten geblieben sind“, betont Dr. Michael Huyer. Dabei haben seine Mitarbeiter bereits unzählige offensichtlich geschichtlich irrelevante Objekte beseitigt. „Wir haben nahezu ein Jahr recherchiert und haben uns auf eine fast 500-jährige Zeitreise begeben können“, unterstreicht Dr. Anke Kuhrmann.

Wer zunächst das für alle Menschen sichtbare Vorderhaus betritt, fühlt sich sofort zurückversetzt in das Jahr 1904. Denn der Boden besteht aus knarrenden Holzdielen. Nicht nur die Außen-, sondern auch die Innentüren besitzen noch die mehr als 110 Jahre alten Beschläge samt Originalschlüssel. Überall hängen Schwarz-Weiß-Fotos mit Motiven aus der Jahrhundertwende. Noch interessanter sieht es ein Stockwerk höher aus. Denn das ausgebaute Dachgeschoss endet plötzlich rückwärtig in einen offenen Dachboden, dessen Dachkonstruktion in Teilen viele 100 Jahre auf dem Buckel hat.

„Unsere Baumringdatierung hat ergeben, dass der rückwärtige Teil der Münsterstraße 22 spätestens im Jahr 1585 errichtet worden sein muss“, erläutert Peter Barthold. Damit gehört dieser Gebäudeteil zu den ältesten nicht religiös genutzten Gebäuden Billerbecks. Das Vorderhaus wurde noch bis vor einiger Zeit bewohnt. Der noch viel faszinierende, mehr als 400 Jahre alte Gebäudeteil wurde im Zuge des „Neubaus“ zu einer Schmiede umgebaut, die 1970 aufgegeben wurde und vorher noch eine Fahrradwerkstatt beinhaltete.

Dort befinden sich unzählige Gebrauchsgegenstände, Utensilien, Werkzeuge und vieles mehr aus mehr als 400 Jahren. Die Fachleute des LWL haben herausgefunden, dass infolge des Umbaus zur Schmiede eine Zwischenwand herausgerissen und ein Stahlträger durch ein altes Fenster hindurch eingebaut wurde. „Aus heutigen statischen Gesichtspunkten ein mehr als abenteuerliche Konstruktion“, findet Peter Barthold, der davon ausgeht, dass es ursprünglich ein Wohnhaus mit Küche, Wohnzimmer, Upkammer und mit einen kleinen gewerblichen Teil bisher unbekannter Art war.

Der 1904 erbaute Stall für die damalige Schmiede besteht aus Baustoffen, des 1585 errichteten Gebäudes. „Da lagern noch die ganz alten Fenster aus dem 16. Jahrhundert“, zeigt Dr. Anke Kuhrmann auf die ziemlich verstaubten Holzfenster. Was am Ende aus der Münsterstraße wird, steht noch nicht fest. „Wir haben zunächst jemanden beauftragt, der eine Konzeptstudie erstellen soll“, sagt Bürgermeisterin Marion Dirks.

Denkbar sei eine spätere Wohn- und gewerbliche Nutzung, aber auch als Anlaufpunkt für eine Stadtführung. Billerbecks Stadtplanerin Michaela Besecke rechnet damit, dass noch viel Zeit ins Land respektive in die Stadt gehen wird: „Ich gehe von mindestens ein halbes Jahr aus, bevor wir erste Ergebnisse der Politik vorstellen können.“