Das Verbreitungsgebiet

„Ich habe nie die Hoffnung aufgegeben”

„Wir durften nichts mitnehmen, aber meine Großmutter hat das Familienstammbuch ins Mantelfutter eingenäht.” Diese und andere wichtige Informationen zum Leben im und nach dem Barackenlager Lette erzählte Klaus Lauterbach bei seinem Besuch in der vergangenen Woche.

Klaus Lauterbach verbindet viele Erinnerungen mit dem Barackenlager Lette. Foto: ba

Die Sehnsucht nach seiner Heimat, aus der er als 15-jähriger vertrieben wurde, ist ungebrochen. „Ich habe nie die Hoffnung verloren, dass ich eines Tages tun kann, was ich mir immer gewünscht habe”, erzählt der 83-Jährige und vielleicht ist es seinem niederschlesischen Charakter zu verdanken, dass er seinen Traum erfüllen konnte. Wenn auch über viele Umwege.

Aufgewachsen ist er bei seiner Großmutter Ida Lauterbach im Stadtteil Altwasser in Waldenburg, einer mittelgroßen Industriestadt im Sudetengebirge. Am 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation Deutschlands, marschierte die Rote Armee in Waldenbur ein. „Ich stand an einer Straßenkreuzung und die Soldaten fragten nach Frauen und Alkohol.” Die russische Besatzungszeit verlief eher unproblematisch, bis die ersten polnischen Familien eintrafen und die leerstehenden Geschäftshäuser besetzten, um dort Handel zu treiben. Anfang 1946 wurden die Rechte der Deutschen immer weiter beschnitten und zum Zeichen ihrer Zugehörigkeit mussten sie weiße Armbinden tragen. 

Im Juni 1946 wurden Klaus Lauterbach, seine Großmutter sowie Großtante und Großonkel aus Waldenburg vertrieben. Alle Dokumente gehörten dem polnischen Staat. Dass die Großmutter das Familienstammbuch in ihrem Mantelfutter einnähte, war gefährlich, denn das Gepäck wurde vor dem Abtransport untersucht. Unter Bewachung mussten sie am Bahnhof in wartende Viehwaggons steigen. Der Zug, in dem Klaus Lauterbach saß,  fuhr Richtung Westen. Zwei Tage später, am 9. Juni, erreichte er Mariental im Kreis Helmstedt und damit die britische Besatzungszone. Nach der Registrierung und einer Nacht in einem Auffanglager ging es per Zug weiter. Am 11. Juni erreichte die kleine Gemeinschaft mit vielen anderen Vertriebenen den Bahnhof Lette und wurde in das Lager an der Bruchstraße gebracht. 

Die gehbehinderte Großtante wurde vier Tage später nach Gescher ins St. Vincenz-Krankenhaus gebracht, Klaus Lauterbach, seine Großmutter und der Großonkel kamen nach Darfeld. „Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich das alles als großes Abenteuer angesehen, mir war nicht bewusst, dass ich meine Heimat endgültig verloren hatte.” Auch nach so vielen Jahren kann Klaus Lauterbach die Tränen nur schwer unterdrücken. „Wie Vieh wurden wir auf dem Markt ausgestellt, die Bauern suchten sich die Arbeitskräfte aus, schlimmer als auf einem Sklavenmarkt.” Mit seiner Großmutter blieb er auf einem Hof in Darfeld, der Großonkel musste nach Ochtrup.

Der Stadtjunge Klaus Lauterbach sah sich plötzlich hinter einem von Pferden gezogenen Pflug das Land bearbeiten. Seine müden und schmerzenden Glieder durfte er auf dem Kornboden ausstrecken, ebenso wie seine Großmutter. Noch gut sind ihm die bitterkalten Winter in Erinnerung. Ohne Lohn mussten sie für ihre Unterkunft, Essen und Kleidung schwere körperliche Arbeit verrichten. Sie hatten es trotzdem gut getroffen, wurden gut behandelt. Klaus Lauterbach freundete sich mit dem jüngsten Sohn an, zu dem er immer noch Kontakt hat.

Klaus Lauterbach arrangierte sich in seiner Darfelder Zeit mit seinem Schicksal, nahm am Dorfleben teil, besuchte die Schule und las viel in der katholischen Bücherei. Erst nach der Währungsreform durfte er zu seiner Mutter nach Schortens ziehen. Er wollte nie mehr in der Landwirtschaft arbeiten und nur seiner Hartnäckigkeit war es zu verdanken, dass er endlich einen handwerklichen Beruf erlernen durfte. Dank seiner schlesischen Zähigkeit hat er sich nach einer Tätigkeit bei den Olympischen Büromaschinen-Werken bei der Deutschen Bundesbahn als technischer Beamter zum Wagenmeister hochgearbeitet. 

Einen Hass auf die Umstände, die zu seinem Lebenslauf führten, hat er nicht. Auch nicht auf die Menschen, die heute in seiner alten Heimat leben und die er mehrfach besucht hat.